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Athleten-Interview - Jürgen Reis -Part2-

26.06.2014



Im zweiten Teil des Interviews mit Jürgen Reis wird die Frage geklärt, warum nach der Ansicht von Jürgen "Jeder Athlet Wettkämpfe bestreiten sollte."

NBB & F: Kommen wir zu deinen Highlights als Wettkämpfer. An welchen Meisterschaften hast du bis heute teilgenommen und welche erreichten Platzierungen bezeichnest du als deine größten sportlichen Erfolge?
Jürgen Reis: Insgesamt habe ich seit meinem ersten Sportkletter-Wettkampf mit 18 Jahren ca. 135 regionale, nationale und internationale Meisterschaften bestritten. Wären nur jene Wettkämpfe ein Erfolg für mich gewesen, die ich gewonnen hätte, so wäre das eine traurige Bilanz.

Du lernst nur, ein Wettkämpfer zu werden, indem du bei Wettkämpfen antrittst


Doch ganz im Gegenteil: Ich behaupte, dass Wettkämpfe weit mehr bringen können als „Ruhm und Ehre“ und/oder das Preisgeld. Deshalb motiviere ich auch Natural Bodybuilder immer wieder, so viele Wettkämpfe wie möglich „mitzunehmen“. Du lernst nur, ein Wettkämpfer zu werden, indem du bei Wettkämpfen antrittst, und das immer wieder und wieder. In meinem Fall bedeuteten Wettkämpfe oftmals auch, dass ich durch den größten Mentor meines Lebens – meinen Vater – vor Ort persönlich betreut wurde, und das bei nationalen Wettbewerben oder bei Weltcupreisen nach China oder nach Singapur. Mein Vater stand immer hinter mir, und ich denke, daran reifte auch unsere Beziehung zueinander über die Jahre enorm.

Am meisten Nutzen zog ich rückblickend oft aus Wettkämpfen, die objektiv suboptimal verliefen. Das nebenstehende Foto zeigt mich im Viertelfinale der EM 2008 in Paris. Zwar erreichte ich das Halbfinale, doch dann war Schluss. Diese Erfahrung führte dazu, dass ich mich unmittelbar nach meiner Rückkehr nach Hause noch intensiver vom „Warrior Diet“-Erfinder Ori Hofmekler und dem Kraftdreikampf-Weltmeister Marty Gallagher coachen ließ und so neue Wege fand, mich als Athlet weiterzuentwickeln. Die „Feuerschrift“ im Bild war übrigens die erste „mentale Hausaufgabe“, die mir Marty damals gab. Er meinte, dass es zu meinem „Mantra“ werden müsse, die Griff- und Körperkraft zu verbessern. Ich besuchte ihn und Ori Hofmekler wenige Wochen nach dem Wettkampf in Paris und in den USA und gehöre seitdem zu deren am intensivsten betreuten Athleten. Das durch diese Zusammenarbeit erworbene Wissen darf ich nun auch weitergeben. Somit ist wohl klar, dass Wettkämpfe für mich weit mehr sind als „nur“ das Gewinnen von Medaillen oder das Schreiben von Autogrammen.

NBB & F: Worin liegt für dich die Faszination des Wettkampfes und des Kletterns im Allgemeinen?
Jürgen Reis: Für mich ist das Klettern natürlich ein Wettkampfsport, den ich weiterhin auf dem mir höchstmöglichen Level betreiben möchte. Auch dieses Jahr plane ich, wieder international an den Start zu gehen. Wie bereits erwähnt, empfehle ich jedem Athleten, sich regelmäßig mit anderen Sportlern bei Wettkämpfen zu messen, anstatt für sich alleine im „stillen Kämmerlein“ sein eigenes „Trainingssüppchen“ zu kochen. Sportklettern an sich ist eine komplexe Kraftsportart, bei der Maximalkraft, Kraftausdauer, Kondition, aber auch Technik, Taktik und Beweglichkeit eine Einheit bilden müssen. Zusätzlich sind mentale und intellektuelle Fähigkeiten (z. B. beim Routenstudium im Wettkampf) gefragt.

Mir gefielen von Anfang an die klaren Regeln: Da oben ist das „Top“ und der Rest ist schnell erklärt … ran an die Wand und viel Spaß dabei. Bei mir in Dornbirn durfte ich schon zahlreiche Natural Bodybuilder – darunter auch Bühnenathleten – mit dem Klettersport „positiv anstecken“. Zumindest als Ausgleichssport bietet das Bouldern und/oder das Sportklettern eine optimale Ergänzungssportart, vor allem für „Eisensportler“ der Leichtgewichtsklassen.

Diese Athleten bringen oftmals tolle Grundvoraussetzungen mit. Der Rest ist dann, ebenso wie es bei mir war, oft nur noch eine Frage der zur Verfügung stehenden Trainingszeit und der persönlichen Zielsetzung. Ich erlebte schon Quereinsteiger aus dem Natural Bodybuilding, die innerhalb weniger Jahre respektable Sportkletter- und Boulder-Leistungen schafften und dennoch ihrem Hauptsport treu blieben.

NBB & F: Welche Parallelen siehst du zwischen dem Training und der Ernährung im Klettersport und dem Training und der Ernährung im Natural Bodybuilding?
Jürgen Reis: Das qualitativ hochintensive und zugleich sehr umfangreiche Krafttraining der Sportkletterer verhalf schon so manchem meiner Coachies aus dem Natural Bodybuilding in das nächste Level. Die Trainingsmethoden des Sportkletterns fordern meist den ganzen Körper. Auch ist durch die natürliche Bewegung – selbst bei Maximalkraftbelastungen – eine relative Gelenkschonung beispielsweise im Vergleich zu schwerem Maschinentraining gegeben. Bereits zahlreiche „reine“ GYM-Athleten suchten und fanden bei mir Abwechslung und neue Trainingsreize, sei es durch Übungen mit Griffkraft-Tools, mit Kettlebells, im propriozeptiven Bereich oder durch das Training an der Boulder- oder Kletterwand.

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Die Kämpferdiät


Was die Kämpfer-Diät betrifft: Dank dieser Ernährungsweise überschreite ich, ebenso wie mein Mentor Clarence Bass („Mr. Over 40“ USA – zuletzt im X-Mas-Special 2013 bei Power-Quest.cc zu Gast), kaum die 5% Körperfettanteilsmarke. Ich behaupte, dass eine individuell auf den Athleten abgestimmte Kämpfer-Diät den Königsweg in der Sporternährung darstellt. Hinzu kommt, dass ich selbst in der Off-Season jederzeit zur Dopingkontrolle gebeten werden kann. Für beide Sportarten (das Klettern und das Natural Bodybuilding) ist dieses „dunkle Kapitel“ von vornherein verschlossen. Stattdessen heißt es, strategisch vorzugehen und mit Nahrungsergänzungen von Qualitätsherstellern optimal zu supplementieren und zu regenerieren.

Auch Wettkämpfe und die Vorbereitung bzw. der mentale Umgang mit dem Tag X sind mir sehr wohl bekannt. Nach neun Jahren Erfahrung als Coach – teilweise auch als Betreuer von sehr fortgeschrittenen Bühnenathleten – kann ich folgendes Resümee ziehen: Die Wege der Kletterer „funktionieren“, entsprechend adaptiert, auch besonders gut für Natural Bodybuilder.

NBB & F: Erzähle bitte etwas mehr über deine Arbeit als Coach. Welche Philosophie vertrittst du als Coach und auf welchem Wege vermittelst du diese Philosophie deinen Klienten?
Jürgen Reis: Anstatt an dieser Stelle zu groß auszuschweifen, erlaube ich mir abermals, die Leser dieses Interviews auf die Athleten-Statements im Rahmen dieser Kolumne hinzuweisen. Ich bat zwei GNBF-Athleten darum, offen über meine Coachings und Trainingslager in Dornbirn zu berichten.

Fakt ist: Das Privat-Coaching, das heißt, einem anderen Athleten dabei helfen zu dürfen, das nächste Level zu erreichen und/oder sein genetisches Potenzial zu entfalten, ist absolut etwas, das mir liegt und das mir mächtig Spaß bereitet. Ich achte auf 100-prozentige Qualität, betreue niemals mehr als fünf Athleten gleichzeitig – und natürlich jeden einzelnen davon individuell. Die „Philosophie“ bzw. die Strategie meines Coachings richtet sich zu 100 Prozent nach den Zielen des Klienten. Sowohl Trainingssysteme der Kletterer für Natural Bodybuilder als auch Wettkampf-Pläne und die Kämpfer-Diät (speziell deren unveröffentlichte Versionen wie die 3.0/3.1-Variante) gehören zu den Inhalten meiner Arbeit. Aber ich bin nicht dogmatisch. Auch „Maschinenpark-Trainierende“ und „6-Mahlzeiten-pro-Tag-Esser“ gehören zu meinen aktuellen Coachies.

NBB & F: Stichwort Trainingslager. Diverse GNBF-Athleten berichten von „Peak-Abenteuern“ bei dir in Dornbirn. Was hat es mit diesem Angebot auf sich?
Jürgen Reis: Ich erfuhr bei zahlreichen Trainingslager-Reisen zu meinen Mentoren, wie viel effektiver ein Lern- und Umdenkprozess verläuft, wenn ich mit allen Sinnen erkenne und begreife, was der „Lehrer“ vermittelt. So begann ich 2005 damit, dies auch selbst professionell anzubieten. Es handelt sich dabei um das „State of the Art“ des Personal Coachings – den effektivsten Weg, den ich bislang fand, um für meine Coachies Strategien zu entwickeln und ihnen dabei zu helfen, langfristige Veränderungen ihres Verhaltens herbeizuführen. Die Nachhaltigkeit und die Ziele, die auf diesem Wege erreicht werden, sind beeindrukkend und übertreffen zumeist bei Weitem die Erfolge jener, die sich „nur“ via Telefon von mir instruieren lassen. Konkret definiert sich ein „Trainingslager“ bei mir in idealerweise zweieinhalb Tagen individuellem Direkt-mit-mir-trainieren und -lernen. Damit meine ich nicht unbedingt Klettern. Die meisten meiner Klienten stammen nicht aus dem Klettersport, sondern sind Natural Bodybuilder, Kraft- und Fitness-Sportler, Berufssoldaten oder Kampfsportler.

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Dadurch, dass ich normalerweise immer nur eine Person in dieser Zeit coache, richte ich mich zu 100 Prozent nach den Wünschen und Zielen des Gegenübers. Wir nutzen die gesamte Infrastruktur der Region, inklusive des Olympiazentrums Vorarlberg, und auch die mentale Komponente kommt mittels ausgiebiger Coaching-Walks nicht zu kurz. Der Preis ist pauschaliert, sodass das „Stundenzählen“ wegfällt und der Coachie mich und mein Umfeld hier in der Sportstadt Dornbirn „all-inclusive“ bucht.

Lest in Part 3 , warum für Jürgen Reis nichts langweiliger ist als "normale" Menschen.

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von Berend Breitenstein
Fotos: Archiv www.juergenreis.com, Kurt Hechenberger, Mag. Heiko Wilhelm, Simon Liesinger






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